Buenos Aires- Uruguay

 

Sonnabend, 26-11-11

Ab geht der Elefant!

Buenos Aires- Parque Nacional Las Palmares

Nachdem ich 2 Wochen damit verbrachte, meine rudimentär vorhandenen Spanischkenntnisse in Buenos Aires aufzufrischen und um Vergangenheitsformen und andere grammtikalische Spitzfindigkeiten zu verfeinern bin ich gestern mit einer obligatorischen Verspätung (jedoch nur zwei Stunden) alleine mit dem Stahlefanten Richtung Norden Argentiniens aufgebrochen.

Der Weg aus Buenos Aires heraus gestaltete sich als sehr zäh, da der immer und allgegenwärtige Verkehr auch am Samstag nicht deutlich weniger wird. Taxis, Camionettas (Mini- LKW), PKW in allen erdenklichen Tüvtauglichkeitszuständen und viele Motos und Mofas drängten sich auf den drei bis sechsspurigen Straßen und machten aus ihnen fünf bis zehnspurige.

Dazu kamen über 30° Hitze und ich war der einzige, der auf seinem Motorrad Helm, Motorradjacke und- hose trug. Aber es half alles nichts, da ich das Ausmaß meines mitgenommenen Gepäcks etwas überschätzt hatte, war es einfacher die dicken Motorradklamotten zu tragen, da ich sonst alles hätte umpacken müssen. Die Bürde, dass ich vor der Reise diversen Bemutternden und Sorgenden das Versprechen gab, schön vorsichtig zu fahren und ja nicht ohne Motorradkleidung muss ich wohl tragen. In kalten wie auch heißen Tagen. Wenn ich dann mit Hitzschlag vom Motorrad kippe, sterbe ich wenigstens dehydriert mit Schmelzwasser in meinen Stiefeln aber wenigstens ohne Schürfwunden.

An der herbeihalluzinierten 87. roten Ampel hatte ich genug, der pfadfindereische Ehrgeiz, die Stadt ohne Hilfsmittel zu verlassen war dahingeschmolzen wie ein Sojaeis in der prallen Novembersonne Argentiniens und ich schaltete meinen Navi ein. Dank der tatsächlich funktionierenden Open- Source- Karte für Argentinien, die mir Stefan installiert hatte, wurde ich durch unglaubliche Straßen und Umwege auf den Autobahnzubringer Richtung Campana/ Zarate geleitet, ohne dass ich mir für die Nacht eine neue Unterkunft in Buenos Aires (BsAs) suchen musste.

Die zwei Wochen haben mir zu diesem Zeitpüunkt auch genügt. Ich kann nicht sagen, dass ich enttäuscht von der Stadt war, aber ich kam von einer Groißstadt in die andere, wobei BsAs noch einige Nummern größer als Hamburg ist. Im Großraum BsAs leben mehr als 16 Mio, Menschen die Kontraste zwischen Arm und Reich sind viel offenkundiger und stärker ausgeprägt , die Architektur ist teilweise wild zusammengewürfelt zwischen schönen, aber heruntergekommenen Ex- Prachtvillen und äußerlich schicken 80- er Jahregebäuden, die aber häufig einen protzigen, auf mich billig wirkenden Charme ausstrahlen. Auf Grund des Verkehrs und einer gewissen Laxheit im Bezug auf den Umweltschutz läst sich heutzutage der Name "Gute Lüfte" nicht mehr wirklich nachvollziehen. Wenn der trichterförmige Rio de la Plata nicht regelmäßig ein Brise über die Stadt schicken würde, gäbe es eine Luft wie in Duisburg Ruhrort zu längst vergangenen Stahlkocherzeiten.

Da ich zusätzlich zu der mich etwas nervenden Betriebsamkeit der Stadt auch die Notwendigkit, Hausaufgaben zu machen, Vokabeln zu lernen und frühzeitig schlafen zu gehen, um am Morgen in der Sprachschule wieder fit zu sein für mich entdeckt habe (Eigenschaften, die ich vielleicht zu meiner passiven Schullaufbahn hätte entwicheln sollen), blieb wenig Zeit die Stadt zu Erkunden. Zumal meine Mitschülerinnen offensive Tangotänzerinnen und sehr kulturbegeistert waren, so dass mich nichts, aber wirklich gar nichts vom Pauken abhalten konnte. Nur ab und zu meine Gastmutter Maria, die eine prima Sofakartoffel ist, deren Fernseher keinen Ausschaltknopf besitzt und sich zwischen zwei Telenovelas oder dem spanischen "Glücksrad" immer wieder Zeit für mich nahm, in dem sie mir von ihrem Landhaus, ihrem Ehemann Carlos, der mich an den ersten drei Tagen jeweils launig mit "Heil Hitler" begrüßte weil er wohl dachte, gerade diese Worte auf deutsch wären der Türöffner für ein geselliges, plauschiges Kennenlernen, ihre Familie und ihre, in ermangelung eigner, Sprachschulkinder, an die sie schon seit mehr als zehn Jahren Zimmer vermietete. Sie ging auch sehr liebevoll, aber etwas hilflos auf meine vegane Ernährungsmarotte ein, in dem sie mir Abends, traditionell für Argentinien, nie vor 23.00 mein Essen, bestehend aus wechselnden Salaten und mikrowelliertem vorgekochten, bereitete. Natürlich gibt es auch in diesem Haushalt, wie fast immer in Mittelklassehaushalten in Argentinien, wie mir meine Mitschülrinnen erzählten, ein peruanisches Hausmädchen, hier Teresa, die den Haushalt in Schuß hält, aber nicht dort wohnt. Im Hausburschenzimmer habe ich geschlafen.

Aber Maria hat ihr Herz am rechten Fleck, erzählte mir von ihrer Hippiephaee und all den Ländern, die sie bereist berist hatte, als es noch ging. Jetzt plagt sie seit sechs Jahren eine gewisse Thromboseanfälligkeit, die sie, gerade bei Hitze, sehr einschränkt.

Der Abschied von ihr war sehr herzlich, das andere Hausmädchen, der Portier des Hauses und der junge Kleidungslieferant der Wäscherei, bei der auch meine Sachen gewaschen wurden, standen unten vor der Tür und wollten meine spektakuläre Abfahrt mitanschauen. Das ich unter diesem großen öffentlichen Druck nicht glich umgefallen bin, freut mich und werte ich als gutes Omen für den Rest der Reise.

...die mich, endlich aus BsAs rau auf die Ruta Nacional 12 Richtung Ceibas, dann auf die 14 über Gualeguaychu und Concepcion de Uruguay in den Nationalpark El Palmar führte. Je weiter ich fuhr, desto wohler fühlte ich mich. Als ob der Fahrtwind den Staub der Großstadt aus all meinen verklebten Poren herausblies. Der Stahlefant lief ruhig, die Straßen waren mehr oder weniger eben asphaltiert, die Sonne strahlte wie ich und alles war wie es sein sollte. Selbst die Zeit, die ich in BsAs vertändelt hatte, sollte noch ihr gutes haben, denn als ich um kurz nach sieben im Nationalpark Palmar ankam, war der Eingang nicht mehr besetzt. Etwas unschlüssig stand ich vor dem geöffneten Tor herum und fragte eine mit anderen Dingen beschäftigte Parkrangerin, was ich denn nun machen könne. Sie lachte, sagte, sie mag, das ich frage und ich solle einfach reinfahren.

Der Park hat zum Ziel, die letzte verbliebene waldartig Ansammlung von Yatay- Palmen zu schützen und mit ihr di zahlreichen Tierarten, vor allem Vögel. So schwirrten bei meiner Hereinfahrt unzählige von ihnen aufgeregt um mich herum, während ich damit zu kämpfen hatte, mich auf den teilweise sehr sandigen, von Spurrillen durchzogenen Schotterweg nicht gleich mit sack und Pack langzumachen. Ich erinnerte mich an die alte Weissagung eines Motorradreisenden, die besagte, dass das einzige, was auf sandige Pisten hilft, eine beherzte Drehung am Gasgriff ist. Auch wenn es eigentlich das letzte war, was ich instinktiv bei einem beladenen Motorrad tun würde, das sich kaum noch halten lässt, hatte die Überwindung Erfolg und ich kam ohne horizontlen Bodenkontakt beim parkeigenn Campingplatz an. Und der ar der Hammer: Etwa 50 Meter oberhalb des Rio Uruguay gelegen nahm ich mir einen Platz direkt mit Blick auf das Nachbarland und baute mein Zelt zum ersten mal auf. Abgesehen von der zwischenzeitlichen Liveübertragung eines Fußballpiels, die den ganzen Platz beschallte und die typische, emotional aufgeheizte Stadionathmosphäre eines argentinischen Erstligaspiels auf den ganzen Platz verbreitete, fiel mir auf, welche Ruhe mich umgab. Genau das hatte mir in den letzten Tagen gefehlt.

Zum Abend gab´s Trockenbrot und Sojawürstchen, dazu ein Literbier, dass ich so nenne, weil es hier ist wie es heißt und einen unfassbar schönen Sternenhimmel, leider ohne -Schnuppen. Das war egal, da ich für den Moment, an diesem Ort, wunschlos glücklich war.

Die Reise hatte wirklich begonnen.

 

 

Sonntag, 27-11-11

Unter Palmen

Parque Nacional Los Palmares- Apostoles

...und ging am Sonntag morgen um 7.30, nach einer etwas unruhigen, unter anderem von den irritierenden knurrgrunzgeräuschen der ca. zehn auf dem Platz beheimateten nachtaktiven Capybaragroßfamilien, die neben meinem Zelt um Nahrung- welche auch immer- stritten, unterbrochenen Nacht, weiter. Nach einer kalten Dusche und einem Spaziergang zum Ufer packte ich meine Sachen und versuchte es mit einer nuen Ordnung, jedoch ohne nennenswerten Platzgewinn.

Nachdem mir beim Verlassen des Campingplatzes eine ziemlich große Echse zunächst den Weg versperrte, meisterte ich die Piste auf dem Rückweg schon um einiges souveräner als am Vorabend.

Am Ausgang umflog mich noch ein Schwarm grüner Papageien und ab gings wieder Richtung Concordia auf die Autopiste, die auf einigen abschnitten immer wieder mehr Piste als Straße war, da überall gebaut wurde.

Nach Concordia wollte ich, da ich einen Kaffee und Geld braucht und diese Stadt im weiten Umkreis die Größte war. Das war ein Fehler, denn obwohl ich das erwünschte bekam, lag die Stadt ca. 15 Km abseits der Autobahn und hatte sonst nichts zu bieten.

Das Herauskommen aus der Stadt gestaltete sich als sehr schwierig, da ich mir in den Kopf gesetzt hatte, die in meiner Karte klar eingezeichnete nördliche Autobahnzufahrt zu nehmen. Nur führte dieser Weg mich, auch nach Zuhilfenahme zunächst eines Einheimischen und dann des GPS, erst an den Grenzübergang nach Uruguay und dann über ein üble Schotterpiste nach 20 Km und verdaddelten zwei Stunden wieder zurück auf die RN 14.

Später traf ich n einer Tanke einen brailianischen Motorradfahrer, der auf seiner BMW mal eben zum Bergsteigen in die Anden gefahren ist und nun zurück über die nahe gelegene Grenze nach Brasilien wollte.

Unsere Begegnung wurde auch von einer Gruppe junger Chicas beobachtet. Eine von ihnen fasste sich dann ein Herz und Fragte, ob sie uns und die Motos fotografiern dürfe. Unter gekichere wurde daraufhin von allen geknipst, was die Speicherkarten hergaben. Ansonsten waren die Begnunghen an den Tankstellen eher als Männer- und Benzingespräche zu bezeichnen. An jeder tanke wurde ich zumindest von einer anderen Püerson als dem Tankwart gefragt, woher und wohin, wie lange und warum. Dazu gab es noch Reisetipps und Hilfsangebote, falls mir und dem Moto, hm, wenn ich jetzt drüber nachdenke, bezogen sich die freundlichen Angebote eigentlich doch nur auf den Stahlefanten.

Unterwegs rastete ich am etwas bizarr anmutenden Casa Alemanes, einem Souvenir- und Lebensmittelladen für regionale, von der hiesigen, seit Ende des 19. Jahrhunderts bestehenden deutschen Kolonie hergestellt werden. Im Andenkenbereich des Ladens standen Gartenzwerge und Pozellanhunde und als Hintergrundmusik liefen Alpenhits der Volksmusik. Das alles war mir noch fremder als BsAs und ich fuhr zwei Liter Wasser später weiter.

Später pasierte ich eine mit roten Fahnen, Blumen und Dankesplaketten geschmückte Gil y Gil- Gauchostatue und sah wenig später einen Gaucho zu Pferd in den Sonnenuntergng reiten.

Das wäre ein perfekter Tagesabschluß gewesen, aber ich brauchte noch eine Unterkunft, die ich in Apostoles fand. Zuvor fuhr ich im Sonnenuntergang über dunkelrote Pisten nach Santo Tome und war ergriffen von der Schönheit des Moments.

Auch in Apostoles halfen mir Tankstellenbekanntschaften und ein paar Missionare, ein Hotel zu finden, das über Klimaanlage, einen Fernseher und vor allem ein großes Bett verfügte. Das Moto bugsierte ich die schmale Auffahrt vor die Hotellobby und packte ab.

Nach einem Litergetränk und den schlimmsten Pommes, die ich jemals aß dachte noch kurz darüber nach, dass der heutige erste Advent sich hier überhaupt nicht nach irgendetwas weihnachtlichem anfühlt, und fiel dann ins kühle Kingsizebett,

 

 

Montag, 28-11-11

Apostoles- Puerto Iguazu

Nach einer gut durchschlafenen Nacht gelang das packen schon geschmeidiger. Das Frühstück hatte daran aber keinen großen Anteil. Wie mir bereits von meiner Gastmamaria erklärt wurde, isst der Argentinier zum Frühstück fast nichts, mittags ein bischen und hält sich den Tag über mit unmengen Matetee über Wasser. Dieses heiße Wasser gibt es an unzähligen Automaten an den aussergewöhnlichsten Orten, nur um sich frisch den Tee aufbrühen zu können. So ganz habe ich die Zeremonie nicht verstanden, aber man gießt wohl immer wieder nach und nimmt keinen neuen Tee, sondern brüht die alte Brühe wieder auf. Dementsprechend ist die Kaffeekultur etwas unterentwickelt. Und in der selbsternannten Hauptstadt des Matetees, in der ich mich just befand, um so mehr.

Meinen ersten Tankstopp nutzte ich, um mir Tipps bei der Routenplanung nach Iguazu einzuholen.

Der Tankwart war mit einem Besuchtstipp Richtung seines Geburtsortes behilflich und ich habe es nicht bereut, ihm Vertrauen geschenkt zu haben. Es war ein sehr schöner Umweg entlang des Rio Uruguay, zumal die Landschaft sich auch veränderte. Fuhr ich die ersten zwei Tage durch argentinisches Flachland, eigentlich ein Dithmarschen mit Palmen, erinnerte mich die Strecke jetzt an hügeliges Mittelgebirge. Natürlich auch mit Palmen. Und endlich Kurven!

Trotz des heutigen nationalen Feiertags waren die meisten Läden geöffnet und die Straßen waren frei. Immer wieder konnte ich zu verschiedenen Gelegenheiten meine immer noch mageren Spanischkenntnisse trainieren. Vor allem die Worte "Moto", "Alemana", "siete meses" (sieben Monate), "en barco" (per Schiff) und "sietecientoycinquenta" (750 ccm) lernte ich bei der Beantwortung der immer wieder gestellten Fragen recht flüssig auszusprechen.

Iguazu, bzw. Puerto Iguazu, die den Wasserfällen zugehörige, vom Eingang des Nationalparks ca. 15 km entfernte Stadt, erreichte ich erst in der Dunkelheit. Die Schlafplatzsuche gestaltete sich als etwas schwierig, da meine Wahrnehmung von den Tageseindrücken ziemlich in Anspruch genommen war. Die glitzernden Neonwerbeschilder für allerlei mich in diesem Moment nicht im geringsten interessierenden Produkte und der auch in einer Kleinstadt verrückte Verkehr machten die Suche nach einer Unterkunft nicht leichter. Unten am Hafen, völlig ab vom Schußund am Ende meiner Entscheidungsfähigkeit kratzte ich letzte Ruhereste zusammen um mir von meinem Reiseführer befehlen zu lassen, welche Hostaladresse ich in meinen elektronischen Scout eingeben sollte. Wieder ging es durch die Stadt zu einem Hostal, das eher eine semitolle Option war. Aber am Ende der Straße lockte mich das grelle Licht und die ebenso grelle, grünorange Fassade des "Peter Pan" an. Meinem Sanatorium für die nächsten Tage.

 

 

Dienstag, 29-11-11

Agua

Cataratas de Iguazu

Das Peter Pan hatte einen Pool, der mir die Reiseschläfrigkeit abwusch und meinen Tag gleich am anfang unter das pasende Motto stellte: Wasser!

Die Iguazu Wasserfälle, sind tatsächlich beeindruckend, auch wenn sie spätestens nach Annahme als Weltnaturerbe kein Geheimtipp mehr sind. Die Besuchermassen verlieren sich jedoch im enorm großen Gelände. Der Garganta del Diabolo, der Teufelsrachen, ein halbrunder Wasserfall, überv desssen Basaltkante das Wasser mit einer enormen Energie herunterstürzt, ist ungemein beeindruckend. Sein donnerndes Rauschen erfüllt di Luft und die von ihm hervorgerufene Gischt steigt und höher als seine Sturzkante. Sehr zur Freude der Besucher, die innerhalb kürzester Zeit bis auf die- das muß an dieser stelle in aller Klarheit gesagt werden dürfen!- Leibwäsche naß sind. Natürlich machte ich unzählige Fotos von diesem Spektakel (nein, nicht von Spektakel der benässten Leibwäsche) und den anderen, weniger gewaltigen, eher durch ihre Schönheit beeindruckenden Wasserfällen. Durch ein geschickt angelegtes System von Wegen und Aussichtsplattformen auf verschiedenen Ebenen lassen sie sich aus verschiedenen Perspektiven genießen.

Fast ebenso interessant wie die Wasserfälle, nur flauschiger, waren die sich Nationalpark herumtreibenden Opossumfamilien, die am Nachmittag so richtig zum Leben erwachten und schwer aufdrehten. Dazu gibt es dort unzählige Schmetterlinge, Vögel, Tapire und Kaimane. Einen davon bekam ich bei meinem Weg zum Ausgang zu Gesicht, als er einen Meter von der Brücke über die ich zum Stahlefanten gelangte faul, aber wachsam, im sumpfigen Wasser umherdümpelte und auf weniger unhandliche Beute wartete.

Im Hostal nahm ich am Zufallsbekanntschaftszusammenleben teil, kochte, teilte Getränke, poolte im Wasser und lernte meine beiden französischen Zimmernachbarinnen aus der Nacht zuvor kennen. Mittlerweile waren sie in eine Zweibettzimmer umgezogen, so dass ich den 4- Bett Schlafsaal für diese und die nächste Nacht alleine für mich hatte, was ebenso nett war wie die beiden, denen ich die ermüdende Menge meiner am Tag gemachten Iguazufotos zeigte.

Da die anderen, ebenfalls französischen, Gäste entschieden, in dieser Nacht die Reise, das Leben, die Abnabelung von Mutti mit über 40 oder was auch immer zu feiern setzte ich erfolgreich Ohropax ein. Und zwar in meine Ohren, nicht als Wurfgeschoß. Somit war der große Lautangriff gestoppt.

 

 

Mittwoch, 30-11-11

Zufallsbekanntschaften

Puerto Iguazu

Eigentlich sollte es heute nach Asuncion/ Paraguay weitergehen, aber ich war unentschlossen, spürte, dass ich lieber einen Tag ausruhen oder besser gesagt, dass ich mich heute nicht ums packen und den nächsten Schlafplatz kümmern wollte.

Und Paraguay für einen Tag zu durchqueren, zwei mal die Grenzübergangsprozedur machen müssen, nur um in einem argentinischen Nationalpark anzukommen, in dem es vermutlich Ameisenbären gibt klang auch nicht mehr so sehr erfrischend. Bei der Entscheidungsfindung, ob die spitze Nadel des Reisekompasses nach Westen, Paraguay, oder Osten, Brasilien. Zeigen sollte half nur noch eins: Die gute, alte Münze. Sie entschied auf Brasilien.

Aber erst morgen, denn heute wollte ich die gewonnene Zeit nutzen, noch mal zu den Iguazufällen zu fahren.

Bei diesem zweiten Besuch war ich viel entspannnter, weil orientierter, konnte die eindrücke vom Vortag noch mal vertiefen und langweilte mich keine Sekunde. Zumal ich mein französisches Pärchen aus dem Hotel wiedertraf und wir eine Menge Spaß hatten.

Am Ausgang stand neben dem Stahlefanten ein anderes Moto mit HH-er Kennzeichen! Der Fahrer hatte eine Nachricht mit Emailkontakt in meinem Helm hinterlassen, bereist ebenfalls Südamerika und kommt aus – Altona!. Verdammt kleine Welt.

Nach einem gemeinsamen Essen mit sehr bemühten Kellnern und Gratiscaipirinhas verbrachten Maelle. Elise und ich den Abend damit, das wegen der Ausschweifungen der anderen französischen Gäste am Vorabend erlassene Poolverbot zu missachten und schauten uns die Sterne an. Dabei lernte ich, dass der große wagen in Frankreich nicht etwa grand "voiture" sondern "grand casserole", große Bratpfanne, heißt. Eine durchaus passendere Bezeichnung, die hiermit Einzug in den deutschen Sprchgbrauch halten soll.

Um diese Erkenntnis und eine heitere Mischung alkoholischer Getränke beschwert fand ich zufrieden den Weg in mein Vierbettsinglezimmer.

 

 

Donnerstag, 1-12-11

Alles deutsch

Puerto Iguazu- Ponte Serrada/ Brasilien

Nach einem letzten Bad im Pool meines Hostals und Abschied nehmen von Maelle und Elise folgt die erste Tagesirritation, als ich der gut asphaltierten RN 101 entlang des Nationalparks folge und mich auf einem mal auf dem Flughafenparkplatz befinde. Der Abzweig nach Bernardo de Irigoyen an der Grenze zu Brasilien führte 2 Kilometer vorher in den Wald, wie mir einer der Parkplatzfachangestellten sagte. Die Schilder hatte ich auch tatsächlich gesehen, dachte aber, es sei ein Scherz und jemand hätte diese offiziellen Schilder neben dem dort stehenden Haus hingestellt. Das war aber alles hochoffiziell, denn das Haus entpuppte sich als Polizeiposten und ich geriet in mein erste Kontrolle, bei der der Uniformierte uninformierte sich mehr für den Stahlefanten interessierte und nebenbei flüchtig in den Papieren blätterte. Aber alles war gut und auf meine Frage, wie lange denn die Waldpiste dauern würde bis zur Asphaltstraße entgegnete er "ca. 20 km". Das klang erst mal viel, stand aber doch im Kontrast zur Angabe des Parkplatzobmanns von vorhin, der sagte, es seien 75 km. War auch egal, ich hatte Lust auf die Fahrt und wurde belohnt mit einer mitten durch den Nationalpark führenden, ziemlich gut befestigten roten Dschungelpiste. Sie gab einen unfassbaren Kontrast zum tiefgrünen Urwald und dem knallblauen Himmel ab. Auf der vom Parkplatzherrscher exakt vorausgesagten Strecke versuchte ich unzähligen Schmetterlingsschwärmen auszuweichen, sah eine Opossumfamilie den Weg kreuzen, Echsen und sogar zwei Geier, die ich bei ihrer aasigen Mahlzeit störte. Die Umgebung war so interessant, dass ich Schwierigkeiten bekam mich auf meine Route zwischen den Schlaglöchern, Steinen und den ausgewaschenen Bodenfurchen zu konzentrieren. Das Moto schlingerte mitunter heftig und die Gabel schlug ein paar mal durch. Nein, ich habe nicht während der Fahrt gegessen und mir mit dem Esswerkzeug die Wange perforiert. Die Gabel ist die Vorderraddämpfung des Stahlefanten, deren Federweg- ach, egal, wen´s interessiert kann selber nachschlagen.

Über die Asphaltobahn wäre ich eigentlich schnell an die brasilianische Grenze gelangt, wenn ich mich nicht auf die nicht vorhandene Beschilderung zum Grenzübergang verlassen hätte. Natürlich half auch hier der Tankwart mit klaren Angaben.

Mein erster Grenzübertritt mit dem Stahlefanten war erfreulich einfach. Nachdem ich von Senora Zollamtsinspektoren Gomez nett abgestempelt wurde und ihre Kollegen im Außendienst mich freundlich durchwinkten kam ich an den brasilianischen Kontrollpunkt, an dem man mich schon, in der irrigen Annahme, ich sei Chilene, durchwinken wollte, jedoch hielt das Chilemissverständnis nur bis zu dem Zeitzpunkr, an dem ich fragte, wer denn für die Einfuhrpapiere zuständig sei. So wurde dem Stahlefanten ein Park-(vorm) und mir ein Sitzplatz (im) Zollbüro zugewiesen. Was der Stahlefant machte weiß ich nicht, ich schaute mir "Nur 48 Stunden- Teil 3" mit brasilianischen Untertiteln und ohne Ton im zolleigenen, vielleicht zur besonderen Verwendung beschlagnahmten Fernseher an, während der herbeigerufene Fachmann für mich meine Einfuhrdokumente ausfüllte. Netter Service und sehr persönlich, da er mich bei Fragen stets mit meinem Vornamen ansprach. Nach einer sehr knappen Stunde war alles erledigt und ich fuhr nach Brasilien auf der Suche nach einer Bank, an der ich ausreichen Reales für die nächsten Tage abheben konnte. Die Idee war vorausschauend und super, aber es haperte daran, dass ich nicht annähernd wußte, wie der Umrechnungskurs für den Real stand. Die Reiseverkehrsbank in Hamburg sagte mir, der Realeskurs chwanke zu sehr, um mir eine Währungtablle mitzugeben. Da alle um mich herum nur Portugiesisch sprachen ging ich mit Schwung durch die Drehtür in die Schalterhalle, woraufhin ein Sekuritatemann mit Hand an der Waffe aufsprang um mir deutlich zu machen, dass die Bank geschlossen hätte und die Menschen vor dem Schalter nur andere Kunden imitieren würden. Auch verneinte er, dass hier igendjemand in der Bank englisch sprechen könnte. Bis ein beherzter Bankangestellter die internen Regeln und die personifizierte Sicherheit durchbrach und mich am Wachtelkönig vorbei fragte, ob er mir helfen könne. Er wollte sich zwar nicht genau auf die dritte Stelle nach dem Komma festlegen aber konnte mir durchaus befriedigend aus meinem Dilemma heraushelfen.

Mit Sprit und Geld vollgetankt suchte ich mir mit hilfe des, nein, in Brasilien sind es wohl nicht die Tankwarte, sondern die Menschen, die an den Eingangstürn von Eckgeschäften herumlungern, die dem verwirrten Reisenden den Weg weisen, den Zugang zur Fernstraße Richtung Florianopolis.

Die Landschaft entlang der BR 282 (brasilianische Landstraße) war nicht spektakulär, eher lieblich, sanfte Hügellandschaften, Wälder, Felder und Wiesen, alles ein bischen wie in den Voralpen. Und ebenso deutsch, da hier viele Nachfahren deutschsprachiger Siedler leben. Selbst die Flaschenetiketten der hiesigen Wasserversorger tragen Dirndl und der Bursch macht den Schuhplattler dazu.

Die Städte auf dem Weg sind frohvorweihnachtlich geschmückt, Weißbartmänner mit roten Roben, Lichterketten in Rentierform, Strahleengel und Glitzersterne. Der Hammer aber sind die Plastikschneemänner, die an den Ortskreuzungen bei unadventlichen knapp 30° schwitzend dem eiligen einen Motokönig zugrinsen. Wenns wenigstens Spekulatius und Glühwein geben würde.
Aber nichts da. dafür gabs heute auch meine erste Polizeikontrolle in Brasilien, aber die waren ebenfalls sehr nett. Es ist beruhigend zu wissen, dass meine Papiere sowohl in Argentinien wie auch in Brasilien ihre Gültigkeit haben.

In der Dunkelheit suchte ich ein Hotel, da ich müde und trotz Motorradjacke durchgefroren war, was sich aber als nicht so einfach herausstellte. Das erste war eine heruntergekommen Truckerabsteig mit großem Zimmer und ebenso großem Renovierungsbedarf, das zweite htte geschlossen und im dritten konnte man mich zunächst nicht verthen, bis mir ein "schlafen, ich möchte schlafen" herausrutschte und mir der Tresenschef verwundert aber in einer Art plattdeutsch sagte, das es hier ja gar kein Problem sei, "deitsch" zu sprechen.

 

 

Freitag, 2-12-11

Noch deutscher

Ponte Serrada- Pomerode

Heute geht´s weiter nach Blumenau, an den Ort des zweitgrößten brasilianischen Festes neben dem Karneval. Welches Fest? Oktoberfest!

Über Seitenstraßen fuhr ich nach Tres Tilias, das Tirol Brasiliens, dass seinen Namen zurecht trägt. Der schwitzende Weihnachtsmann steht bei knapp 30° vor dem Rathaus direkt neben dem Holzhackerbuamstandbild und schaut Richtung Alpenhotel. Sonst schien die Stadt zu schlafen, alle Läden hatten zu und auch die Läden vor den Fenstern waren geschlossen. Über eine üble Piste fuhr ich auf dem kürzesten, wohl aber nicht dem schnellsten, Weg nach Fraiburgo, einer häßlichen Durchfahrtsstadt, die nicht viel mit dem deutschen Studentenstädtchen gemeinsam hat Richtung Blumenau und Pommerode, wo ich am Abend ankam. Auf diese stadt aufmerksam geworden bin ich durch eine Reportage über das Tal der deutschen, in dem sich vor bummelig 100 Jahren Auswanderer ansiedelten und teilweise noch so leben wie damals. Davon war jedoch, zumindest im Ortskern, nicht viel zu sehen, außer, dass außergewöhnlich viele Menschen hier blond waren. Was ein eingeschränkter Genpool eben nach sich zieht.

Auch haben die meisten Straßen deutsche Namen und natürlich wurde mein Frage nach einer Unterkunft auf deutsch beantwortet, woraufhin ich im Hotel Schröder, "dem besten Haus am Platz" untergekommen bin und von meinem Zimmer im dritten Stock einen Blick aufs Tal der alemaos hatte.

Aber warum habe ich diese Interesse für deutsche Siedlungen? Vielleicht, weil es schon etwas skurril ist, die Brauchtumspflege und die über Generationen weitergegeben Traditionen als identitätsgebendes Moment an diesen eigentlich völlig untypischen Orten zu sehen, sich Gedanken zu machen, was die Auswanderer seinerzeit dazu veranlaßt hat, ihre Heimat zu verlassen und sich auf den Weg eine unbekannte Zukunft zu machen. Zumal ich berufsbedingt viel mit dem Thema Migration, nur eben nach Deutschland zu tun habe un sich in diesem Zusammnhng eigentlich genau die gleichen Fragen stellen. Genau ie hier sind die von Einwanderern in Deutschland betriebenen Läden ein Sammelsurium importierter oder im Migrationsland hergestellter Waren wie die Gegenstücke italienischer, osteuropäischer, deutscher und anderer Auswanderer. Diese Brauchtumspflege, die mir, der ich aus dem Emigrationsland komme, doch recht fremd ist, zu erleben ermöglicht mir noch mal ein anderes Verstehen der Thematik.

Dem Klischee und der Wirklichlichkeit entsprechend fand sich auch hier jede Menge Weihnachtsschnickschnack- aber immerhin war es etwas kühler.

Und wie überall fand sich die Dorfjugend im zentralen Park zusammen, hörte laut Musik und unterhielt sich in einem Gemisch aus portugiesisch und pommeroder Platt.

 

 

Samstag, 3-12-11

Ans Meer!

Pomerode. Arroio do Sal

Blumenau stand als erste Zwischenetappe auf meinem Weg Richtung Atlantikküste auf dem Programm. Jedoch überforderte mich der viele Trubel in der Innenstadt, die auch nicht wirklich als Altstadt zu erkennen war, eher als aufgebrezelte Konsumrennbahn mit Souvenirläden. Nachdem ich auf meiner Suche nach Trinkwasser lediglich eine Tube brasilianische Sonnencreme fand, mit der ich meinen mich seit der Hinfahrt nach Iguazu plagenden Sonnenbrand versuchte zu lindern, ging es über Schleichwege durchs Hinterland an die Küste Richtung Florianopolis. Mein Reiseführer pries diese Stadt als Eingangstor für die hippe Insel Santa Catarina, die ich eigentlich besuchen wollte. Aber die aufragnden Wolkenkratzer am Horizont und der drohende Wochenendreiseverkehr auf die Insel liessen mich Gas geben und schleunigst Richtung Süden weiterfahren.

In einem einer Tankstelle angeschlossenen Restaurant halfen mir zunächst eine überaus freundliche Speisenfachangestellte und im Verlauf der weiteren Bestellung ein des englischen mächtiger Agrarökonom nebst seiner Frau sowie eine gerade nach Brasilien zurückgekehrte Familie, die vorher für 12 Jahre auf Hawaii lebte, ein 1 A veganes Menü (Salat und Pommes) zusammenzustellen. Die Szene bekam im weiteren Verlauf einen leicht Loriotesken Einschlag, da sich, als das Essen bereits auf dem Tisch stqand, weiterhin von der entstandenen kleinen Menschentraube beraten und befragt wurde. Es gab eáber weder den Lammsattel noch die Kalbshaxe Florida. Sondern, als sich alle mit einem "buon provecho" verabschiedet hatten, warmen Salat mit kalten Pommes.

Gestärkt mit jeweils einer Portion Gastfreundschaft und delikater Mahlzeit erreichte ich nach langer Suche im dunkeln endlich ein Hotel direkt am Atlantik. In Arroyo do Sal angekommen wurden der Stahlefant, Belzi und ich empfangen wie Rockstars. Das ganze Hotelpersonal, eine Horde chicas und chicos im komplizierten Alter von woher auch immer und deren Mütter umringten uns johlend. Ich nötigte sie für ein Foto zu posieren. Dann sie mich. Und dann wurde ich noch mal von der ganzen Bande in meinem Hotelzimmer besucht. Als Gastgeschenke gaben sie mir, lautstark kommentierend, wer das bessere Team ist, drei Fußballarmbänder und wollten noch mal dringend weitere Fotos machen. Und die Mütter wollten diesmal auch mit drauf sein. Sehr lustig das alles...
Trotzdem merkte ich, dass ich mir nach diesem zehnstündigen Ritt den Kopf am Meer freipusten lassen musste, schlich mich an meinen neuen Bekannten vorbei und genoß den rauen Wind und das Rauschen der Brandung. Das war exakt die Art der Erholung, die ich brauchte.

Wieder zurück im Hotel entkam ich den Fängen der ausgesprochen netten Hotelobfrau, Senhora Giotto, und ihrer Freunde nicht, die mich zu Kaltgetränken einluden und so verbrachten wir die nächsten Stunden damit uns auf Spanglogiesisch über meine Reise, das Leben in Brasilien und alles Mögliche andere zu unterhalten.

 

 

Sonntag, 4-12-11

Wind

Arroio do Sal- Sao José do Norte

Etliche Abschiedsfotos aus verschiedenen Kameras und Kameratelefonen nach meinem Frühstück sowie dem netten, aber von mir ausgeschlagenen Angebot, gleich zum Mittagsbuffet zu bleiben, später schlug ich den Weg Richtung Porto Alegre ein, aber nicht, um mir die Stadt anzuschauen, sondern ihren Vorort Novo Hamburgo, welches übersetzt übrigens nicht Bremen heißt. Die Enttäuschung war jedoch groß, denn die Hauptstadt der brasilianischen Schuhindustrie hatte weder einen Hafen noch irgend etwas anderes reizvolles für mich zu bieten, so dass ich nach ein paar Poserfotos am Ortseingangsschild schnell den, nun ja, Schuh machte.

Auf dem Weg zurück zur Küste packten mich heftige seitliche Winde die von unschönen, weil in unkontrollierbaren Abständen zusätzlich am Stahlefanten und meinen Motorradklamotten reissenden Böen begleitet wurden, die es schwer machten, die Spur zu halten. Nordseewinde war ich gewohnt, aber das hier war, bei unschuldig strahlendem Sonnenschein, einfach heftig und vielleicht der erste Vorgeschmack auf die zu erwartenden Dauerstürme in Patagonien und Feuerland. Je mehr ich fuhr, desto mehr schmerzten meine Arme und Schultern. Um einigermaßen geradeaus fahren zu können legte ich mich nach links gegen den Wind als wenn ich eine Dauerkurve fahren würde. Ein Blick auf meine Karte zeigte mir, dass ich für die nächsten 300 km entlang der Küste auf keine Änderung zu hoffen brauchte. Ganz im Gegenteil, 120 km davon sollten unbefestigte Straße, also Piste, werden. Doch zuvor erwarteten mich auf der BR 101 unzählige Schlaglöcher, teilweise so groß, wenn auch nicht ganz so tief wie Swimmingpools. Das ging so für ca 40 km. Hier zeigte sich der Vorteil von einspurigen Fahrzeugen: Während die Autos, egal, ob Laster, Kleinwagen oder Allradgetriebener Brötchenholzweitwagen gut betuchter Zahnarztgattinnen, abenteuerliche Manöver über die gesamte Breite der Strasse vollzogen, um den gähnenden Abgründen straßenbaulicher Investitionsstaus zu entkommen konnte ich den Stahlefanten, einer Königskobra gleich zwischen den Asphaltklüften entlangschlängelnd, mit Tempo 120 sicher nach Tavares steuern. Dort erwartet mich der nächste Unbill, denn der Tankwart sagte bestätigte mir die Aussage seines Kollegen von vor 100 km, der sagte, es gebe keine Brücke zwischen San Jose do Norte, dem nördlichen Eingangstorpfosten zur nach Porto Alegre führenden Lagoa dos Patos und ihrem südlichen Gegenstück, der Industriestadt Rio Grande. Und die letzte Fähre gehe bereit um 18.00. Was eine Stunde zuvor war. Immerhin war der Zapfhahnmann sicher, dass es Unterkünfte am Ende der Halbinsel geben würde.

Die positive Überraschung war, dass sich die vermeintliche Piste in einem sehr guten, frisch asphaltiertem Zustand befand, so dass der unverminderte Seitenwind zwar nicht angenehmer, aber immerhin nicht so enervierend wie befürchtet war. Gegen Einbruch der Dunkelheit erreichte ich das ehemalige Fischerdorf San José, geriet in Siegesfeierlichkeiten inklusive Autokorse, da International Porto Alegre gerade das Stadtderby gegen Gremio gewonnen hatte. Das geschiehtr denen aus einer historischen Perspektive gesehen ganz recht. Am 11.12.1983 gewann Gremio gegen den HSV im Weltpokal in Tokio mit 2:1 in der Verlängerung. Unnötig zu sagen, dass auch ich ab sofort bis ins Mark Internacional- Fan bin.

Ob mein Pousada(Unterkunfts-)vater ebenfalls Internacionalanhänger ist wie ich vermag ich nicht zu sagen, da wir über andere Dinge miteinander redeten. So zum Beispiel, wo ich eine bewachte Garage für das Nachtlager des Stahlefanten finden konnte, denn der Durchgang zum Gästehus war für mich bereits sehr klein. Aber dank der Überschaubarkeit des Dorfes war das Finden des Motostalls kein Problem. In den Schlaf musste ich nicht lange finden, da er mich an der Zimmertür erwartete und mich mit sich riß wie der Atlantikwind die Tankquittung eines unaufmerksamen Motorradreisenden.

 

 

Montag, 5-12-11

Grenzen aufzeigen

Sao José do Norte- Hamburuguay

Das wiederfinden des Stahlefantenstellplatzes am nächsten Morgen gestaltete sich ungleich schwieriger als am Vorabend. Das mochte etwas damit zu tun haben, dass der Herbergsvater mich bereits um kurzu vor sieben weckte, da er meinen abendlichen portugiesischexkurs so aufgefasst hatte, dass ich die erste, die acht uhr Fähre, nehmen wollen würde. Natürlich sagte ich ihm, dass die um zehn dicke reichen würde, aber egal. Der Tiefschlaf war unterbrochen und liess sich nicht mehr so schnell wieder herbeiholen. Die daraus resultierende Tranigkeit führte in Kombination mit zu wenig Koffein dazu, dass mein inneres Navigationssystem leicht aus den Fugen geraten war und ich ziellos, aber noch entspannt, durch die Exfischersiedlung taumelte und an sämtlichen Läden, Autos und mich interessiert betrachtenden Einwohnern mindestens drei mal vorbei lief. Nur nicht an der Garage, in der der Stahlefant bestimmt schon darauf wartete, gesattelt in den neuen Tag zu starten.

Nach dem ich das Gefühl hatte, die Zeit sei bereits sehr knapp fing ich an, die Interessierten Betrachter in meine morgendliche Misere einzubeziehen und fragte sie nach dem weg zur Garage. So fand ich, mich nah den präzisen Angben pinlichst genau richtend, ein Eisenwarenhandlung, eine Apotheke und eiuen Gemischtwarenladen. Das Wort Garage scheint verschiedenste Bedeutungen auf portugiesisch zu haben.

Endlich und noch rechtzeitig auf der Fähre angekommen suchte ein Einheimischer Anwalt das Gespräch zu mir. Die Konversationssprache war hauptsächlich spanisch und die Themen begannen mit dem lob der deutschen Technik, insbesondere sein Faible für Flugzeugmodellbausätze deutscher Kampfflugzeuge aus dem zweiten Weltkrieg, dessen Beginn im übrigen eigentlich von Churchill verursacht worden war und Deutschland durch den unfairen Vertrag von Versailles nicht anders konnnte als sich wiederuzubewaffnen.

Bedauerlich, dass ich nicht gut genug spanisch sprach, rettender Anruf seiner mitgereisten Frau, die am Bug alleine auf ihn wartete, bevor ich mich der Versuchung hingeben konnte, ihn spontan Kiel zu holen.

Nach einer überaus charmaten Grenzübergangskontrolle, bei der die brasilianische Zollamtsoberinspektorin beide (aus Gründen des mir sonst all zu leicht vorzuwerfenden Chauvinismus verkneife ich mir an dieser Stelle ein stereotypes Adjektiv) Augen zu- und mir einen Einreisestempel, den ihre Kollegen vergessen hatten mir bei der Einreise zu geben, in meinen Pass reindrückte machte ich ähnlich lockere Erfahrungen beim uruguayischen Zoll, bei dem die Einreiseformalitäten ebenfalls nur ein paar Minuten dauerten.

Etwas irritierend war es dann, wieder zurück Richtung brasilianische Grenze fahren zu müssen, um in der uruguayischen Grenzstadt Chuy Geld zu holen und zu tanken, wobei mir ein freiwilliger, mit offizieller Leuchtweste bekleideter dienstbeflissener Frühpensionär die Kreuzung sperrte, damit ich wenden konnte.

Als ich an den ersten Hinweisschildern nach Punta del Diabolo wusste ich wo ich mein nächstes Chimichurrisoße- Weißbrot- Picknick machen musste. Belzi gefiel es hier ebenfalls ausgesprochen gut. Da die Saison noch nicht begonnen hatte und das Wochenende gerade vorüber war, befanden wir uns in einer Art Touristengeisterstadt, in der nur einige gelangweilte Locals und übriggebliebene, leicht angeschlagene Rucksacktouristen die Szenerie dieses Ortes belebten, in dem offensichtlich sämtliche ehemaligen Fischer eine Umschulung zum Touristenstrandbarbetreiber absolviert hatten.

Fast vor Aufregung vom Stahlefanten gefallen wäre ich wenige hundert Kilometer später, als ich einen Autofriedhof der besonderen Art am Straßenrand sah: Dort standen pittoresk verunfallte und verrostete Oldtimer herum und bettelten mich an, von ihnen fotografiert zu werden. Erst dutzende Fotos später konnte ich mich losreißen und setzte meinen Weg Richtung Montevideo fort, wo ich Stefan, meinen Reisebegleiter für die nächsten Wochen im Haus seiner freunde treffen wollte.

Da mein Navi zum ungünstigsten Zeitpunkt nicht ansprehbar war, fuhr ich zunächst nach Montevideo herein um mich auf dem Parkplatz einer Shoppingmall amerkanischen Zuschnitts in eine öffentlich zugängliche WiFi Verbindung einzuwählen. Das Problem war, dass ich Miguels Adresse in blindem Vertrauen in die Unfehlbarkeit amerikanischer Hochtechnologie in mein GPS eingegeben hatte ohne sie mir noch mal aufzuschreiben und sie nun nur noch durch Abfrufen meiner Emails aufrufbar war. Das behagte dem örtlichen Parkplatzfach- und wachangestellten nicht, der mich eindringlichst darauf hinwies, es gäbe separate Parkplätze für Motos, die ich aufzusuchen hätte. Meine Spanischkenntnisse waren durch die lange Fahrt nicht mehr flüssig abrufbar, so dass ich ihm in akzentfreiem Hochdeutsch erklärte, dass es sich um eine außergewöhnliche Notlage handele und er mich machen lassen solle sofern er mir nicht den Weg nach Solymar, dem Vorort, in dem meine zukünftigen Gastgeber wohnten, zeigen könne.

Mit der Adresse in der Hand fragte ich mich ganz prätechnologisch durch, wobei ich die Bekanntschaft einer Truckerin machte, die sehr hilfsbereit war, mich zum mittlerweile mit Miguel ausgemachtem Treffpunkt begleitete und mir zum Abschied noch ihre Telefonnummer daließ, "falls es nötig sein sollte". War es aber nicht, da Miguel und Lars, der zu Besuch aus Hamburg da war, mich kurze Zeit später mit Manuela, einer etwas abgetakelten ehemaligen PS- Schönheit aus US- amerikanischer Vorrezessionsautomobilproduktion, abholten.

In Miguels Haus wartete nicht nur seine Mutter Haydee auf uns, sondern auch Ute und Laura aus Hamburg, so dass die Anzahl der Fischköppe die der Einheimischen überstieg auch ohne dass Stefan da war. Der trieb sich noch auf nächtlichen Straßen herum und wir begannen uns Sorgen zu machen, das er mitten im aufziehenden Unwetter stecken könnte.

Trotz meiner somnambulischen Allgemeinverfassung lernte ich alle kurz- und Langzeitbewohner auf das netteste kennen und stellte fest, dass wir natürlich gemeinsame Bekannte in Hamburg haben. Irgendwann erschien auch der verspätete Fernreisende Stefan und wir konnten nach einer doch recht langen Nacht alle beruhigt schlafen gehen.